9.3.2010:
Der Weg ins Ungewisse
Ich möchte Euch die Leidensgeschichte meines geliebten Grossvaters nahe bringen. Mein Grossvater, ich werde ihn F. nennen, war sein ganzes Leben ein aufgestellter, mitteilungsfreudiger Mensch. Er hatte da mal eine Grippe und hier eine Erkältung, sonst war er kerngesund. Seit dem plötzlichen Tod seiner Frau vor 14 Jahren lebte er sozusagen bei uns in der Familie. Er hatte immer grosse Angst vor dem Tod. In einem Januar fing das Unheil an, plötzlich konnte er die Gabel beim Nachtessen nicht mehr halten oder er hatte keine Kraft mehr, das Essen zu zerschneiden. Wir dachten erst er simulierte, was wir aber später bitter bereuten. Wir nahmen ihn nicht ernst, er ging zwar mehrfach zum Arzt, aber es kam nie eine klare Aussage. Wir befanden uns im Ungewissen. Einmal ging das Essen gut, ein andermal nicht. Er klagte auch immer über ein inneres brennen im Körper. Im April, als meine Mutter und er an sich gerieten, schrie er, er sei todkrank. Wir konnten uns nichts darunter vorstellen, da er bis anhin immer gesund war und jetzt plötzlich kurz vor dem Tod stehen sollte. Im Mai folgte die Diagnose: ALS, erst die grosse Frage, was ist das? Wie verläuft die Krankheit? Gibt es Chance auf Heilung?
Antworten kannte Niemand genau.
Das Ärzteteam, die Pflege, die Freunde und die Familie wussten, wie es um F. stand, nur F. selber nicht genau. Wir beschlossen F. im Unwissen zu lassen, da er grosse Angst hatte.
F. wurde immer schwächer, dünner und die Kraft verliess ihn allmählich. Die rechte Hand verschloss sich zu einer Faust, die einen enorm hohen Tonus aufwies. Schuhe und Socken anziehen wurde zur Qual, Essen alleine unmöglich und Treppen steigen schwierig.
Im Juni musste er mal nachts aufs Klo gehen und fiel im Dunkeln hin. Er war zu schwach um sich fortzubewegen. Erst am nächsten Morgen, als er nicht zum Frühstück erschien, machten wir uns Sorgen. Als wir in seiner Wohnung eintrafen, lag er auf dem Teppich, in seinem eigenen Urin. Das war der erste Tiefpunkt für uns alle.
Der zweite folgte einen Monat später, als er wieder nachts aufs Klo gehen wollte und über seinen Teppich stolperte. Diesmal konnte er sich aus eigener Kraft bis ans Telefon schleppen. Die Ambulanz holte ihn, da wusste er noch nicht, dass er nicht mehr Heim kommen würde.
Eine gebrochene Rippe und unglaubliche Schmerzen auf der Lunge waren nun sein Hauptproblem. Man hat ihn nach 2 Wochen provisorisch in ein Pflegeheim gebracht. Seine Mobilität nahm täglich ab. Den rechten Arm konnte er nicht mehr benutzen, die Finger wurden mit einer Handschiene offen gehalten, was für ihn aber eine Qual war. Im August entwickelte er eine Beinthrombose, die lysiert werden konnte. Im Oktober stand endgültig fest, dass er nicht mehr nach Hause kommen würde. Sein Alltag war gequält von Atemnot und zähem Schleim, Immobilisation und Muskelatrophie. Eines Nachmittags im November, sass ich bei ihm und half ihm eine Cremeschnitte zu essen, da bekam er wieder diese Atemnot. Als ein Pfleger kam, sagte er, er könne nichts machen, und wie da F. den Pfleger angeschaut hatte, von da an wusste ich, er wird sterben und auch F. wusste es.
Es folgten harte Monate, er konnte seine geliebte Bratwurst und den Käsesalat nicht mehr essen, er bekam Atem- und Schluckprobleme. Die linke Hand begann sich auch zu schliessen. Im Dezember konnte er nur noch kurz mit Unterstützung sitzen und im neuen Jahr war er komplett ans Bett gefesselt. Er klagte über Atemnot und ein fürchterliches brennen, wie wenn man von Innen her verbrennen würde.
Weihnachten stand vor der Tür, wir bastelten F. ein kleines Bäumchen mit Kugeln und die Enkelkinder schenkten ihm ein Foto. Er hatte nicht viel in seinem kleinen Zimmer im Pflegeheim. Eine Kommode mit seinen liebsten Stücken drin und eine Pflanze, mehr Platz hatte es in diesem Zimmer nicht. Wie schrecklich, wenn man sich nicht mehr bewegen kann und den ganzen Tag dieses kleine Zimmer anstarren muss, dachte ich. Seine Stimme wurde immer unklarer und dünner. Er konnte täglich zähen Schleim abhusten, man hörte jedoch, dass da noch sehr viel Schleim auf der Lunge lag. Jede Woche verschlechterte sich sein Allgemeinzustand. Er wollte nur noch sterben. Ich fühlte mich schrecklich, dass wir ihn Anfangs nicht ernst nahmen. Die Ärzte tappten im Dunkeln, F. nahm jeden Tag diese Tablette, die die Krankheit herauszögern sollte. Es wurde immer schlimmer, der Husten, die Atemnot und die komplette Lähmung des Körpers. Anfang April konnte er kaum noch sprechen, nur noch unverständlich und sehr leise. Als es ihm noch besser ging, unterschrieb er die Ärzteverfügung. Am Montag den 21. April war es soweit, er konnte keine Nahrung mehr zu sich nehmen und hätte künstlich ernährt werden müssen. Man verabreichte ihm Morphin. Es stellte F. ruhig und er hatte kein Hunger- und Durstgefühl mehr. Von da an war nachts meine Mutter und mein Onkel bei ihm und tagsüber die Enkelkinder um Wache zu halten. Wir streichelten seine Hand und besprühten seinen ausgetrockneten Mund mit einem feinen Wasserspray. Er bekam Sauerstoff und wachte zwischen den Morphinspritzen kurz auf. Am Mittwoch bekam er die nächste Morphinspritze zu spät und war dann voll da. Als er die Spritze bekommen sollte, verzog er das Gesicht und ich fragte, ob er Hunger hätte. Er schüttelte den Kopf, auch Durst hatte er nicht. Als ich ihn auf dieses innere Brennen ansprach, flossen Tränen über sein Gesicht und ich musste mich beherrschen nicht loszuheulen. Wir sagten ihm, die Spritze nehme die Angst, aber er wollte nicht. Wir konnten F. aber nicht Leiden sehen und somit bekam er die Spritze doch. Er war sofort weg, wenn du mit ihm gesprochen hast, wusstest du nicht, ob er’s hört. Am Donnerstag wurde sein Atem unregelmässig und flach, er wurde immer auf einem bestimmten Level Morphin gehalten. Für uns, die Familie, war es eine schreckliche Leidenszeit. Mich überkamen plötzliche Heulkrämpfe, die ich aber vor ihm geheim hielt. Das Klo wurde zu meinem Fluchtort. Am Freitag den 25. April, kamen wir Enkelkinder um halb 11 Uhr in der Früh um Wachablösung zu machen, da war seine Atmung nur noch ganz schwach, mit langen Atempausen. Um 11.05 Uhr kam eine Pflegeperson ins Zimmer und wollte, dass wir rausgehen, da sie F. waschen wollte. Um 11.15 Uhr kamen zwei Pflegeleute angerannt und verschwanden in seinem Zimmer. Sie kamen raus, alle zusammen und teilten uns mit, dass F. verstorben sei. Für mich brach eine Welt zusammen, die stetige Hoffnung war erloschen. Eine Pflegeperson fiel mir in die Arme und sagte, sie hätte noch nie eine Krankheit mit so einer schlimmen Leidenszeit erlebt. Wir weinten auf dem Flur des Pflegeheimes. F. war erlöst, erlöst von seinem täglichen Leid. Wenn ich heute nochmals fünf Minuten mit ihm verbringen könnte, würde ich mich entschuldigen für mein Verhalten Anfangs der Krankheit...ich war zu feige und hatte Angst es ihm am Totenbett zu sagen.
F. ich liebe Dich.